Offener Brief an die Betreiber des U-Clubs

Liebe Betreiber des U-Clubs,

wir haben mit Interesse eure Stellungnahme „Respect – Dancehall against Discrimination and Intolerance“ zur Kenntnis genommen. Doch es sind nach dem Lesen bei uns noch einige Fragen offen geblieben.

Unglaubwürdig

Es fällt zunächst auf, in welchem Kontext dieses Schreiben erschienen ist. Nicht etwa nach den zahlreichen Protesten bei früheren Konzerten homophober Sänger, sondern erst jetzt nachdem es eine größere Öffentlichkeit gab, sich ein breites Bündnis zum Protest zusammen gefunden hat und die Kampagne „U-Club dichtmachen“ gestartet wurde. Der Druck der Öffentlichkeit hat also das geschafft, was in der Vergangenheit nicht gelang. Wirklich ernst zu nehmen ist das Statement allerdings nicht. Vielmehr soll damit der berechtigten Kritik an der Auftrittspolitik des U-Club und dessen aktive Unterstützung homophober Musiker der Wind aus den Segeln genommen werden, genau wie diverse Künstler den RCA (Reggae Compassionate Act) nur unterschrieben haben, um Auftrittsverboten zu entgehen und nicht, weil sie ihre Einstellung zu Homosexualität geändert haben. Es stellt sich die Frage, warum der U-Club bisher keine Äußerung verlautet hat, obwohl die Kritik durchaus bekannt war.
Das Statement ist eine genauso verzweifelte wie wirkungslose Bemühung die Kritik ins Leere laufen zu lassen wie der Versuch, mit Drohungen den kritischen Blog uclubdichtmachen.blogsport.de sperren zu lassen. Wo bleibt da eigentlich die viel zitierte Meinungsfreiheit, für die hunderte Reggaefans im WZ-Forum gestimmt haben?

Uneindeutig

Das Logo der Stellungnahme ist, so schön es auch sein mag, ziemlich unglücklich gewählt, hat es doch rein gar nichts mit Homophobie oder Sexismus zu tun. Ebenso kommt in dem Namen nichts dergleichen vor.
Was mit „Respect“ gemeint ist, ist uns ebenfalls schleierhaft. Meint ihr Respekt vor der „freien Meinung“, wie aus dem letzten Satz der Stellungnahme hervorgeht? Oder soll man Respekt vor der Homophobie einer „anderen Kultur“ haben und sie aus dem Grund tolerieren? Oder meint ihr vielleicht doch, dass Respekt gegenüber Schwulen und Lesben angebracht wäre? Das wird überhaupt nicht klar aus euren Formulierungen.
Wahrscheinlich liegt die Wahl eines „neutralen“ Logos daran, dass ein positiver Bezug auf Schwule ähnlich geschäfts-schädigend wäre, wie der Ruf als homophobe Location.

Unsinnig

In den ersten Zeilen ist die Rede von einem „Missverständnis“, was uns sehr überrascht hat. Es gibt kein Missverständnis. Der U-Club unterstützt homophobe Sänger, in dem er ihnen die Möglichkeit gibt dort aufzutreten. Im U-Club wurden bisher Battyman-Tunes aufgelegt. Worin soll da das Missverständnis bestehen?
Es reicht nicht, diesen Sängern zu sagen, sie sollen keine homophoben Sachen performen. Wenn bekannte homophobe Songs gespielt werden, wird auch beim Auslassen der entsprechenden Zeilen der Hass auf Homosexuelle reproduziert – unter anderem dadurch, dass das Publikum die betreffenden Stellen im Song einfach mitsingt. Dass der U-Club eine gewaltfreie, tolerante, und respektvolle community1 ist, bleibt wohl ein naiver Traum, erinnert man sich an die sexistischen und homophoben Beleidigungen von Seiten der Konzertbesucher_innen2 gegenüber Kundgebungs-teilnehmer_innen und den Vorfall während des Langen Tisches in Wuppertal, wo U-Club-Besucher_innen Menschen am Stand der Aids-Hilfe bedrohten und mit Capleton-Zitaten verbal angriffen. Capleton hatte wenige Monate zuvor im U-Club gespielt. Es ist einfach lächerlich zu schreiben, in der U-Club-Community seien nur friedliche Reggae-Fans. Ihr würdet doch auch nicht glauben, dass alle Fans von Gospel-Musik per se gewaltfrei und tolerant sind.
Uns würde schwer interessieren, was ihr unter Gewalt versteht. Der Aufruf zum Mord an Schwulen scheint offensichtlich nicht dazu zu gehören, sonst hätte eure gewaltfreie, tolerante und respektvolle community sicherlich schon was dagegen unternommen. Wenn ihr mit Gewalt körperliche Gewalt und Schläge meint, so findet diese zumindest ihre verbale Entsprechung, wenn nicht sogar ihren Anfang, in den Texten, der von euch mit aller Hingabe verteidigten Künstler. Gewalt beginnt schon beim Wort und nicht erst beim Schlag. Das physische Gegenstück „metaphorischer“ Gewaltausbrüche ist auf Jamaika und leider in weiten Teilen der Welt blutige Realität.
Was meint ihr eigentlich, wenn von Toleranz die Rede ist? Gegenüber Menschen tolerant zu sein, die anderen Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung die abscheulichsten Gewalttaten androhen, halten wir für ziemlich paradox und absolut verrückt. Diese Leute leben nicht nur ihre Intoleranz, sondern propagieren sie mit ihren Liedern und fordern sie auch noch von Anderen ein.

Unüberlegt

Zu sagen man lehne „Rassismus, Sexismus und Homophobie“ ab ist leicht, besonders wenn man sich keine großen Gedanken dazu macht.

Was versteht ihr unter dem Begriff Rassismus?
Unsere Definition von Rassismus ist das Einordnen von Menschen in Kategorien aufgrund ihrer vermeintlichen Abstammung. Wir sprechen jedem Menschen die gleiche Vernunft zu und wollen dass alle Menschen die gleichen Freiheiten haben, um ein schönes Leben zu haben. Das bedeutet auch, dass man gegen jede Intoleranz vorgehen muss, egal von wem sie ausgeübt wird.

Was versteht ihr unter dem Begriff Sexismus?
Sexismus ist die Zu- bzw. Abschreibung von Fähigkeiten und Eigenschaften auf Grundlage des wahrgenommen
Geschlechts einer Person. Hierbei ist es zunächst egal, um welches Geschlecht es sich handelt, doch ist der Sexismus, der Frauen betrifft, viel stärker und diskriminierender. Weiblichkeit wird in den Gesellschaften per se als schwach, unterlegen und damit minderwertig definiert, was sich für die betroffenen Frauen ziemlich repressiv auswirkt.
Gerade im Musik- und Party-Kontext manifestiert sich Sexismus, indem Frauen als schmückendes Beiwerk angesehen werden, sei es als leicht bekleidete Backgroundsängerinnen oder als Bedienung, die nach Aussehen eingestellt wird und von den männlichen Partygästen auch entsprechend behandelt wird. Einige Gespäche mit weiblichen Angestellten (oder ehemaligen Angestellten) des U-Clubs überzeugen einen schnell, dass die Ablehung von Sexismus seitens der U-Club-Betreiber nichts mit der Realität im U-Club zu tun hat. Z.B. findet eine Mitarbeiterin des U-Clubs keinen Ansprechpartner vom U-Club, wenn sie von männlichen Clubbesuchern belästigt wird.

Was versteht ihr unter dem Begriff Homophobie?
Für uns beruht Homophobie auf der Festlegung, dass Heterosexualität als das Normale angesehen wird und Abweichungen von dieser Norm als falsch und unnatürlich. Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Festlegung von Heterosexualität als Norm, der daraus resultierenden Abwertung von Homosexuellen und schließlich dem Mord an schwulen/lesbischen/queeren/trans* Menschen. Die Verwendung des Begriffs „schwul“ als Beleidigung ist homophob. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob die sprechende Person sich selber als homophob oder sexistisch wahrnimmt oder nicht; es reicht, die genannten Dinge als Abwertungen für eine andere Person zu benutzen.

In der Stellungnahme wird mit Zitaten von Bob Marley auf einen friedvollen Reggae Bezug genommen. An den Zitaten ist nicht viel zu kritisieren, doch ist es seltsam, das keine Statements von Sizzla zu lesen sind, der ja in letzter Zeit viel mehr mit dem U-Club zu tun hatte als Bob Marley. Des Weiteren hat Bob Marley herzlich wenig mit Dancehall zu tun und die Stellungnahme steht ja unter dem Motto „Dancehall against Discrimination and Intolerance“.

Unausgegoren

Wie so oft in der Diskussion um Reggae und Homophobie wird auch in der Stellungnahme wieder darauf Bezug genommen, dass die Gewalt nur metaphorisch gemeint sei. Auf dieses Argument gehen wir schon in unserem Aufruf ein.
Trotzdem hier noch einmal kurz: Schwule, Lesben, Transgender und queere Menschen werden real und nicht metaphorisch umgebracht. Auch metaphorischer Schwulenhass ist homophob. Wo bleibt denn da eure angebliche Ablehnung von Homophobie? Metaphorische Homophobie lehnt ihr nicht ab?
Die Sound Systems können sich gerne verbal oder real verbrennen und mit Steinen bewerfen und im „ewigen Höllenfeuer“ schmoren lassen. Aber tragt euren „Clash“ doch aus, ohne dass gesamtgesellschaftlich diskriminierte und von Gewalt betroffene Gruppen dafür benutzt werden. Warum muss es in der „Clash-Kultur“ gegen Schwule gehen? Machen diese auch einen Sound und alle werfen auf sie, weil ihre Musik so schlecht sind?

Undiskutabel

„…und wir hören sie nicht, weil sie homophop ist (und das ist auch nur ein sehr kleiner Ausschnitt des Reggae und Dancehall) sondern weil wir die Musik lieben.“
Dazu sei gesagt, dass wenn ein Song aus dem Zusammenspiel von Instrumenten und Gesang besteht, der Text ein untrennbarer Teil der Musik ist.
Mit dieser Begründung kann man auch Nazibands spielen lassen, wenn man die Musik toll findet. Viele Besucher_innen des Sizzla-Konzerts sagten, sie hören Sizzla trotz seiner Gewaltaufrufe und sagten zugleich, eine Naziband würden sie sich aus inhaltlichen Gründen nicht anhören. Daraus folgt für uns zwangsläufig, dass diese Besucher_innen des U-Clubs eben kein Problem mit Homophobie haben – bestenfalls ist ihnen Schwulenhass egal, aber von einer Ablehnung der Homophobie kann keine Rede sein.
Außerdem ist Homophobie kein besonders kleiner Teil des Dancehalls. Nach unserem Wissen gibt es kaum Partys auf denen keine Battyman-Tunes laufen.

Unaufgeklärt

Häufiges Stichwort und auch in dem Statement wieder auftauchend ist die „Kultur“. Demnach würde die jamaikanische Kultur Homophobie beinhalten, was man aus europäischer Sicht nicht beurteilen dürfte. Wir halten die Rechtfertigung von Homophobie mit einer Kultur für zynisch. Ist es Teil der Kultur eines jamaikanischen Schwulen sich lynchen zu lassen?
Wie kommt man darauf, den Mord an Menschen mit dem Verweis auf „deren Kultur“ im besten Fall zu ignorieren, im Schlimmsten durch die Auftritte von Schwulenhassern zu unterstützen? Meinungsfreiheit ist schon eine tolle Sache, hat aber Grenzen. Lynchmord ist keine Meinung und nicht wegen der kulturellen Herkunft zu akzeptieren oder zu reproduzieren.

Unaufmerksam

„Wer heute bei Battyman-Tunes mitsingt, könnte sich daher morgen fragen, was mit Brian Williamson passiert ist, einem Mitgründer vonJ-Flag (Jamaican Forum of Lesbians, All-Sexuals and Gays). Er wurde 2004 umgebracht.“
Es ist schon mal ein Fortschritt, das die Ermordung eines Homosexuellen in dem Text des U-Clubs einen ganzen Abschnitt bekommt, doch ist die vorsichtige Formulierung auffallend. Wenn man solche Battyman-Tunes mitsingt, KÖNNTE man sich nicht fragen, was mit diesem Homosexuellen passiert ist – man MUSS sich dies fragen. Auch wenn man solche Songs nur hört, dazu tanzt, die Freund_innen sie mitsingen, muss man sich damit auseinandersetzten.


Unbelehbar

Im nächsten Absatz ist die Rede von Alternativen zu Auftrittsverboten. Das heißt es wird gefragt, wie man die beliebten Sänger doch noch auf die Bühne holen kann, ohne das die Konzerte durch Homophobie-Vorwürfe behindert werden. Nach dem U Club sollten von den Clubs klare Vereinbarungen mit den Künstler_innen getroffen werden.
Die bisherige Praxis im U-Club war, dass Antigay-Songs gespielt werden dürfen. Sizzla hat mindestens zwei Mal einen solchen Song performt und dabei lediglich die entscheidenden Zeilen weggelassen. Diese wurden dann aus dem Publikum mitgesungen. Ist diese Praxis das, was ihr mit „einer klaren Vereinbarung“ meint?
Zu Beginn des Textes wird gesagt, „wir lehnen Homophobie ab“ und am Ende wird überlegt wie man am besten Künstler_innen, die offen Gewalt gegen Schwule propagieren, auftreten lassen kann. Ist es nicht absurd zu meinen, man könne mit einem homophoben Menschen eine „klare Vereinbarung“ treffen, dass er für zwei Stunden im U-Club nicht homophob ist? Er vertritt weiterhin diese Ideologie – auch wenn er auf der Bühne nichts explizit Schwulenfeindliches sagt. Sizzla dazu im Interview: „Das ist lediglich eine Strategie, meine Botschaft auch dort rüberzubringen, wo sie offen ausgesprochen den Kontext sprengen würde. (…) Bei einer Show wie heute Abend weiß ich, I have to just keep it clean…“

Eine wirkungsvolle Alternative zu Auftrittsverboten wäre es, diese Künstler erst gar nicht einzuladen.

Und nun?

Im Statement wird des Weiteren von den Soundsystems gefordert keine Battyman-Tunes aufzulegen. Was bedeutet dies in der Konsequenz im U-Club? Was ist mit Soundsystems, die für gewöhnlich Battyman-Tunes spielen? Zieht der U-Club Konsequenzen und lässt solche Soundsystems nicht im Club auflegen?
Was macht ihr, wenn ein_e DJ bei euch einen dieser Songs auflegt? Dreht ihr ihr/ _/ihm den Saft ab? Werft ihr sie/_/ihn dann raus? Werdet konkret!

Wir halten diese Stellungnahme für nicht ausreichend. Es erfolgt keine klare Positionierung und die praktischen Konsequenzen bleiben unklar. Wir fordern die Besucher_innen des U-Clubs auf, die Ernsthaftigkeit der Stellungnahme zu überprüfen, die Ohren zu spitzen und es bekannt zu machen, wenn weiterhin homophobe Songs aufgelegt werden.

Unsere Forderung bleibt angesichts dieser Stellungnahme weiter hin bestehen.
Mit freundlichen Grüßen
U-Club dichtmachen

  1. Dieses wie alle folgenden im kursiv gesetzten Zitate sind der Stellungnahme des U-Clubs „Respect – Dancehall against Discrimination and Intolerance” entnommen. [zurück]
  2. Der _ symbolisiert alle Personen, die nicht ins binäre Geschlchtersystem passen und soll verhindern, das sie in einer Sprache, die nur zwei Geschlechter kennt unsichtbar gemacht werden. MEhr dazu findet ihr bei Wikipedia unter „Gender Gap“[zurück]

1 Antwort auf „Offener Brief an die Betreiber des U-Clubs“


  1. 1 liv 11. Januar 2010 um 19:24 Uhr

    das onlinemagazin queer.de schreibt unter dem Titel „Wuppertaler Club: Homo-Mordaufrufe „im Kontext sehen“ auch etwas zum thema:

    http://www.queer.de/detail.php?article_id=11617&kommstart=10#kommentare

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