Bericht von der Podiumsdiskussion in der Kulturbrauerei am 23.02.2010

Wer bisher an die Möglichkeit eines konstruktiven Dialogs geglaubt hatte, wurde wohl enttäuscht. Wir haben nicht dran geglaubt und trotzdem einen Korrespondenten hingeschickt. Wer bisher dachte, ein konstruktiver Dialog scheitere an den Verteidigern schwullesbischer Lebensweisen, konnte eines Besseren belehrt werden – wenn er denn unbefangen genug der „Diskussion“ folgte. Ein Abend an dem von Vertretern der Reggae-Community wiedermal über die angebliche „Mentalität“ der Jamaikaner gesprochen wurde und vermittelt wurde, dass nicht Homophobie, sondern Homosexuelle das Problem sind.

Es waren ca. 150 Leute da, darunter auch die jamaikanische Botschafterin.

Auf dem Podium saßen:
Klaus Maack (Konzertveranstalter/Contour Music, hat in den letzten Jahren diverse Touren von umstrittenen Sängern in Deutschland organisiert)
Eddy Brown (Musikagent, Tourneeveranstalter aus London; hat den ersten RCA mit entworfen)
Ulli Gülder (Journalist, schreibt in der Riddim)
Volker Beck (Sprecher der grünen Bundestagsfraktion für Menschenrechte)
Klaus Jetz (Geschäftsführer beim LSVD)
Moderation: Andreas Freudenberg (ehemaliger Geschäftsführer der Werkstatt der Kulturen)

Vor weg zum Moderator: Es kam seinem Job nicht wirklich nach. Er hatte die Diskussion und vor allem den cholerischen Klaus Maack nicht im Griff. Auch erschien seine Positionierung ein wenig einseitig: Die Frage nach konstruktiven Vorschlägen ging zumeist in Richtung der Vertreter der Menschenrechtsposition. Kritische Nachfragen, ob es für die Diskussion konstruktiv sei immer wieder Sizzla und andere einzuladen gab es von ihm nicht. Auch sprachlich unterliefen ihm einige Fauxpas: Zu Beginn der Veranstaltung redete er bereits von Menschen verschiedener Rassen, als ob er als ehemaliger Leiter der Werkstatt der Kulturen noch nie etwas über diesen Begriff gehört hätte. Dieser unaufmerksame Sprachgebrauch setzte sich fort, als er – nachdem diverse Leute (u.a. Klaus Maack und die jamaikanische Botschafterin) die Existenz homophober Gewalt auf Jamaika geleugnet hatten –sagte, man müsse schon feststellen, dass es auf Jamaika ein Problem mit Homosexuellen gäbe. Jedenfalls ist es wünschenswert, dass es sich hierbei lediglich um eine sprachliche Unaufmerksamkeit und nicht um seine politische Einschätzung der Situation handelte.

Auch ansonsten waren die Rahmenbedingungen „optimal“ für eine konstruktive Diskussion. Das Publikum bestand zu 2/3 aus einer Reggaecommunity, die nichts hören wollte, was nicht in ihr Weltbild passt. Zu diesem Zweck wurde gebuht, dazwischen geredet und unangenehme Stimmung verbreitet. Doch getopt wurde dieses Verhalten von Klaus Maack, der es nicht einmal schaffte das erste Eingangsstatement ohne Zwischenruf und Unterbrechung auszuhalten. Dieses Verhalten setzte sich fort, so dass als Fazit der Veranstaltung jedenfalls festzuhalten ist, wer zukünftig kein Gesprächspartner sein sollte: Klaus Maack.

Nicht nur seine Unfähigkeit andere reden zu lassen, hat ihn disqualifiziert, sondern auch seine eigenen Statements. Zu den Highlights gehörten sicher die Äußerung „Ich bin nicht schwul und das ist gut so.“, seine persönliche Verschwörungstheorie, es hätte nur eine Kampagne gegen die Sizzla-Tour gegeben, um politischen Druck im Bundestag und Bundesrat für die Initiative zum Art.3 GG1 zu erzeugen und seine latent rassistischen Äußerungen nach denen mensch als Europäer, die Jamaikaner „erziehen“ müsse – die Jamaikaner also den Status von Kindern haben, die halt noch einiges lernen müssen und nicht von gleichwertigen Subjekten in einer politischen Auseinandersetzung.

Sowohl die Sänger als auch die Konzertagenturen sind für Klaus Maack hilflose Opfer einer übermächtigen Schwulenlobby, die sogar mit so unlauteren Mitteln wie der Einschaltung von Medien arbeitet. Sinngemäß sagte er, ein Künstler wie z.B. Sizzla könne sich nicht wehren, da er nach der Tour wieder weg sei (als gäbe es keine internationalen Kommunikationsmittel und Medien), weil er keine Plattenfirma habe (immerhin hat er Tourveranstalter wie Klaus Maack und irgendwer sorgt wohl auch dafür, dass mensch die Musik hier kaufen kann) und keinen rechtlichen Beistand (dabei wird sowohl in der Riddim als auch auf vielen Reggae-Homepages immer so getan, als lebe Halb Jamaika vom Geld der Reggae-Stars, die zahlreiche Jugendprojekte und anderes sponsern. Und da soll kein Geld für einen Anwalt drin sein?). Diese Täter/Opfer-Umkehr erscheint absurd angesichts dessen, dass es sich bei Reggae-Konzerten in Deutschland ja nicht um Nonprofit-Events handelt, sondern um kapitalistische Unternehmungen3 – soll heißen die Künstler, die Clubs, die Veranstalter verdienen Geld damit. Warum Aktivisten, die aus ihrer politischen Überzeugung heraus gegen die Konzerte protestieren, mehr Geld für Medienkampagnen und Rechtsbeistand haben sollten, ist mir völlig schleierhaft.

Ein weiterer Schwerpunkt von ihm war es allen anderen Lügen vorzuwerfen. Dies gilt besonders für alle Personen, die über Gewalt gegen Schwule berichten, darunter insbesondere J-Flag2. Informationen von J-Flag sei nicht zutrauen, da es eine „Lobbyorganisation“ sei und (in Richtung Volker Beck geäußert) „von ihresgleichen“. Als eine Person aus dem Publikum äußerte, sie sei entsetzt über die fehlende Empathie der Vertreter der Musikindustrie auf dem Podium und von einer internationalen Konferenz von schwullesbischen Gruppen (ILGA) berichtete auf der ein Jamaikaner unter Tränen berichtete, wie er hilflos zugucken musste als ein Freund von ihm von einem Mob durch die Straße gehetzt und umgebracht wurde, tat Klaus Maack dies erneut als unwahren Bericht ab. Es gäbe keine homophoben Morde auf Jamaika und keine Mobgewalt gegen Schwule.

Volker Beck verblieb nichts anders als Zynismus, nachdem auch die jamaikansiche Botschafterin jede Bedrohung und Gewalt geleugnet hatte, und erklärte, dass er auch schon häufiger gelesen hätte, dass alle Morde an Schwulen auf Jamaika von Schwulen begangen worden sein, da es wohl die Mentalität der Schwulen an sich und insbesondere auf Jamaika wäre sich gegenseitig umzubringen.
Die Botschafterin hatte zuvor erklärt, dass es auf Jamaika kulturell unüblich sei auf der Straße Händchen zu halten und zu knutschen. Und nach ihrer Ansicht machen dies schwule Männer wohl zu häufig, wodurch sie dann eben Ärger provozieren. Wer schon einmal Aufnahmen von Dancehall-Partys auf jamaikansichen Straßen gesehen hat, wird festgestellt haben, dass dort ein wenig mehr „kulturell üblich“ ist als Händchen halten. Auch Gesetze, die sich gegen Homosexuelle richten, gibt es nach Ansicht der Botschafterin nicht, auch dies lediglich ein „Missverständnis“. Das wiederum dürfte ärgerlich sein für all jene, die doch diese Strafgesetze immer wieder als Rechtfertigung für homophobe Musiker heranziehen und es aufgrund des Strafrechts für unzumutbar halten von Künstlern eine öffentliche Distanzierung von Homophobie zu fordern.

Neben all dieser Relativierung der Homophobie an sich und gewalttätigen Homophobie im Besonderen, ging es um den „Reggae Compassionate Act“ (RCA). Denn Volker Beck und Klaus Jetz wiesen bei der Frage nach konstruktiven Lösungen daraufhin, das es ja mal eine Vereinbarung gegeben hätte, diese von allen Künstlern gebrochen wurde und nun ja nicht erwartet werden könne, dass mensch als Lösung anbietet genau dasselbe zu wiederholen. Das der RCA gebrochen wurde, wurde zuerst von Klaus Maack durch reines „alles Lüge“ zurückgewiesen. Zu einem späteren Zeitpunkt konnte geklärt werden, warum Klaus Maack, Ulli Güldner und Eddy Brown meinen, dass die Vereinbarung nicht gebrochen worden sei. Sie erklärten, der Act sei immer nur für Europa gemeint gewesen und hätte nie eine Aussage für USA und Jamaika enthalten. Volker Beck wies zu Recht darauf hin, dass der Wortlaut des RCA etwas anderes besage, aber dies ließen die „Experten“ nicht gelten – schließlich sind nur sie es, die wirklich Ahnung haben und zudem sei zumindest Eddy Brown an dem Entwurf beteiligt gewesen. (Auch unter der Prämisse die Erklärung gelte nur für Europa, wurde sie von einigen gebrochen, aber dies nur am Rande.) Da aufgrund der Stimmung keine wirkliche Diskussion, sondern nur ein Schlagabtausch möglich war, konnte leider nicht thematisiert werden, ob dies denn Sinn macht: Eine Erklärung, in der es heißt „Artist of the Reggae-Community respect and uphold the rights of all individuals to live without fear of hatred ans violence due to their religion, sexual orientation, race, enthnicity or gender. (…)…, but it must be clear there´s no space in the music community for hatred and prejudice, including no place fore racism, violence, sexism and homophobia. (…) solle nur für eine bestimmte Gegend gelten. Allerdings musste Eddy Brown zugeben, dass Outrage (englische schwullesbische Gruppe, die am RCA beteiligt war) keine Begrenzung auf Europa wollte, sondern dass es ihnen (als Gruppe, die eng mit J-Flag in Kontakt steht) von Anfang an darum ging, dass auf Jamaika nicht mehr gegen Schwule gehetzt wird.

Entsprechend sahen dann auch die Lösungsansätze aus. Eddy Brown sagte, er würde sich jederzeit zur Erarbeitung eines neuen Textes zusammensetzten. Auch Ulli Güldner und Klaus Maack plädierten für eine neue Vereinbarung. Insbesondere Ulli Gülder legte Wert darauf, das eine solche nur für Deutschland zu gelten habe und auch nur das enthält, was in Deutschland eh gilt: Das Verbot von einer Bühne zu Gewalt gegenüber Bevölkerungsteilen aufzurufen oder den Hass gegen eine solche Gruppe zu schüren. Bis es eine neue Vereinbarung gibt, werde sich Klaus Maack daran halten nur Künstler auftreten zu lassen, die den RCA unterschrieben haben, erklärte er.
Auch Klaus Jetz erklärte eine neue Vereinbarung für möglich.Allerdings unter anderen Bedingungen. Da der RCA völlig folgenlos gewesen sei, erwarte man nun um eine solche Erklärung und ihre Unterzeichner ernst nehmen zu können, eine klare Distanzierung von Gewalt gegen Schwule und Lesben. Diese Distanzierung müsse von den Künstlern auch in Jamaika vertreten werden und nicht nur eine billige Möglichkeit für die sein ungestört Konzerte in Europa durch führen zu können. Gefordert sei also eine ernst gemeinte und ernst zunehmende Äußerung, die sich zu früheren Texten der Künstler verhalte.
Ulli Güldner hält all diese Forderungen für unrealistisch.
Allerdings stellte Volker Beck fest, dass zur Solidarität mit Opfern von Menschenrechtsverletzungen auch gehöre, mit den Tätern von Menschenrechtsverletzungen explizit unsolidarisch zu sein. Das heißt es sei auch ein Akt der Solidarität mit Opfern homophober Gewalt Menschen, die zu dieser Gewalt aufrufen oder sie verherrlichen das Leben schwer zu machen. Konzerte nicht ungestört stattfinden zu lassen, ist also auch dann ein politisches Ziel, wenn es nicht zu einer, von Ulli Gülder als unrealistisch eingeschätzten Vereinbarung mit den Künstler, führt.

P.S. Ein beliebte Rechtfertigung ist es, so zu tun als ginge es nur um alte Lieder -Jugendsünden quasi -mit denen die Künstler überhaupt nichts mehr zu tun hätten. In diesem Zusammenhang leugnete Eddy Brown auf der Veranstaltung vehement, dass auf der offiziellen Homepage von Sizzla noch das Lied „Na Apologize“ zu finden sei. Um zumindest diesen Streit kurz zu klären, hier ein Screenshot der Seite vom 26.02.2010:

Auch andere berichten und diskutieren über die Veranstaltung. Wobei es wir immer bei solchen Angelegenheiten erscheint, als seien nicht allle, die berichten, auf derselben Veranstaltung gewesen:
taz: Anschreien statt mitsingen
Neues Deutschland: »Hass-Reggae«
Die Grenzen der Kunst

Reggae-Town

  1. Eine Kampagne aus dem letzten Jahr, die zum Ziel hat im Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes auch die BEnachteiligung aufgrund der „sexuellen Identität“ mit zubenennen. [zurück]
  2. Jamaica Forum for Lesbians, All-Sexuals and Gays [zurück]
  3. Ich habe festegestellt, dass einige wohl den Begriff „kapitalistisch“ als Reizwort empfinden bzw. mißverstehen. Es handelt sich dabei nicht um eine moralische Bewertung, sondern lediglich um die Feststellung, das Clubs, Konzertveranstalter und auch die Künstler gewinnorientiert arbeiten. Sie also die Konzerte nicht als Hobby machen, sondern weil sie damit Geld verdienen. [zurück]